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Nicht-zählendes Rechnen |
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Erste, umfassende Studie über die Entwicklung von Rechenstrategien bei österreichischen ErstklässlerInnen macht massiven Handlungsbedarf im Schulsystem deutlich. |
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Beim "zählenden Rechnen" löst ein Kind eine Plus- oder Minusaufgabe dadurch, dass es die Zahlwortreihe in Einzelschritten durchläuft. Dafür gibt es eine Reihe von Möglichkeiten. So kann ein Kind 3+4 etwa dadurch lösen, dass es mit "eins, zwei, drei" zunächst drei Finger der einen Hand einzeln aufklappt; dann mit "eins, zwei, drei, vier" vier Finger der anderen Hand, um schließlich mit "eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben" die Gesamtanzahl der nun ausgestreckten Finger zählend zu ermitteln. Eine demgegenüber weniger umständliche Variante des zählenden Rechnens ist das "Weiterzählen", wo etwa 3+4 dadurch gelöst wird, dass das Kind von "drei" ausgehend um vier Zahlwörter in der Reihe weitergeht: "vier, fünf, sechs, sieben", und das zuletzt genannte Zahlwort "sieben" als Ergebnis der Aufgabe nennt. Daneben gibt es eine Reihe weiterer Zählstrategien, zum Teil mit, zum Teil aber auch ohne (sichtbaren) Einsatz der Finger. Zählendes Rechnen ist also nicht mit Fingerrechnen gleichzusetzen; die Finger sind aber ein naheliegendes Hilfsmittel, solange ein Kind noch über keine anderen Strategien als das zählende Rechnen verfügt. "Faktenabruf": Die Lösung der Plus- oder Minusaufgabe wird "einfach gewusst", das Kind kann die Lösung aus dem Langzeitgedächtnis abrufen. "Ableitung": Das Kind weiß die Lösung der gefragten Aufgabe zwar noch nicht auswendig, kann es sich aber aus einer anderen Aufgabe (die selbst bereits "einfach gewusst" wird) "ableiten", erschließen. Beispiel: Bei 3+4 fällt dem Kind 3+3=6 ein und es denkt weiter: "Dann ist 3+4 um 1 mehr, also 7". |
Die aktuelle deutschsprachige Fachdidaktik sagt sehr klar und einhellig: Zählendes Rechnen noch in höheren Schuljahren gilt als "Sackgasse der mathematischen Entwicklung" (Lorenz & Radatz 1993) und "Hauptmerkmal" von Rechenschwächen (vgl. etwa Schipper 2003). Kinder sollten daher möglichst schon im Laufe des erste Schuljahres das "zählende Rechnen" überwinden und zu nicht-zählenden Strategien ("Faktenabruf", "Ableitung") übergehen. Soweit die Zielvorgabe der Fachwissenschaft. Was aber ist österreichische Schulwirklichkeit? Dazu liegen nun erstmals wissenschaftlich abgesicherte Daten vor. Michael Gaidoschik, Leiter der Rechenschwäche Institute Wien-Graz, hat für seine Dissertation "Die Entwicklung kindlicher Lösungsstrategien zu den additiven Grundaufgaben im Laufe des ersten Schuljahres", 139 durch Zufallsauswahl bestimmte niederösterreichische Kinder zu Beginn, Mitte und am Ende ihres ersten Schuljahres zu ihren Rechenstrategien im Zahlenraum bis 10 und 20 befragt. Der Unterricht, den diese Kinder in ihrem ersten Schuljahr erfahren haben, wurde durch eine Schulbuchanalyse und eine LehrerInnenbefragung in den Blick genommen. Die wesentlichen Ergebnisse dieser Studie werden im Folgenden kurz dargestellt. Genauere Informationen können Sie dieser Powerpoint-Präsentation entnehmen. Die Dissertation ist ab sofort über die Universitätsbibliothek der Universität Wien zugänglich. Eine gekürzte Fassung ist im Peter Lang Verlag erschienen. |
Das Wichtigste in Kürze |
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Titel Verfasser Förderungen Zudem kam der MNI-Fonds für Unterrichts- und Schulentwicklung an der Universität Klagenfurt für einen Teil der erheblichen, durch die zahlreichen Schulbesuche entstandenen Reisekosten auf. |
1) Design und Methoden |
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Die Dissertation (Universität Wien, Erstleser: Univ.Doz.Dr.Hanisch, Uni Wien; Zweitleserin: Prof.Dr. Anna Susanne Steinweg, Uni Bamberg) beruht auf vier empirischen Studien, die qualitative und quantitative Methoden kombinieren:
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2) Wesentliche Ergebnisse der Längsschnittstudie zur Strategieentwicklung im ersten Schuljahr |
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3) Wesentliche Ergebnisse der Unterrichtsanalyse |
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| Die qualitative Inhaltsanalyse der Schulbücher, die im Unterricht dieser Kinder verwendet wurden, zeigt gravierende Verstöße aller fünf Lehrwerke gegen zentrale Empfehlungen der aktuellen deutschsprachigen Fachdidaktik: | |
In den untersuchten Schulklassen verwendet und daher für diese Studie inhaltlich analysiert wurden die folgenden Schulbuchwerke: AG MATHEMATIK (Hg.) (2003): Matheblitz 1. Wien: Jugend & Volk (verwendet in 2 von 22 Klassen). BRUNNER, Edith u.a. (2004): Zahlenreise 1. Mathematik für die 1. Schulstufe. Linz: Veritas-Verlag (verwendet in 12 von 22 Klassen). BUBLATH, Helmut; FÜRNSTAHL, Gerlinde; HÖNISCH, Kurt u.a. (2005): Zahlen-Zug 1. Wien: Dorner (verwendet in 5 von 22 Klassen). EDER, Johann; JAROLIM, Franz; SCHÖN, Rudolf (2001): Mein erstes Mathematikbuch. Wien: Jugend & Volk (verwendet in 2 von 22 Klassen). FRIEDL, Martina (2004): Funkelsteine 1 Mathematik. Wien: Dorner (verwendet in 1 von 22 Klassen). |
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Wesentliche Ergebnisse der Lehrer/innenbefragung: |
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4) Welche Konsequenzen sollte das österreichische Schulsystem aus den Ergebnissen dieser Studie ziehen? |
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Als vordringlichste pädagogische Konsequenz lässt sich aus der vorliegenden Studie ableiten, dass Maßnahmen zur Steigerung der didaktisch-methodischen Qualität des Arithmetikunterrichts in österreichischen Volksschulen erforderlich sind, wenn künftig verhindert werden soll, dass – wie es derzeit der Fall ist – ein beträchtlicher Teil der Kinder noch am Ende des ersten Schuljahres vorwiegend zählend rechnet und damit in seiner weiteren arithmetischen Entwicklung massiv beeinträchtigt ist. Diese Maßnahmen betreffen in erster Linie die Aus- und Weiterbildung von Volksschullehrer/inne/n, die auf Grundlage ihres Ausbildungsstandes derzeit in der Regel (der Autor kennt viele Ausnahmen!) offenbar nicht in der Lage sind, den Arithmetikunterricht im ersten Schuljahr gemäß den Empfehlungen der aktuellen Mathematik-Fachdidaktik gestalten zu können. Dass alle Lehrkräfte, die im Rahmen dieser Studie befragt wurden, erkennbar nach bestem Wissen und Gewissen und mit hohem pädagogischen Engagement unterrichtet haben, sei an dieser Stelle ausdrücklich festgehalten. Sie haben so unterrichtet, wie sie das gelernt haben und wie es die von ihnen verwendeten, vom Bundesministerium approbierten Schulbücher ihnen nahegelegt haben. Würde man nun den Lehrkräften die Verantwortung für die in der Tat erschütternden Ergebnisse dieser Studie zuschieben, so wäre dies sachlich falsch und für die Weiterentwicklung des Mathematikunterrichts in Österreich fatal! Ergänzend zu Maßnahmen in der Aus- und Fortbildung muss künftig sicher gestellt werden, dass Mathematik-Schulbücher, die vom Unterrichtsministerium als „für den Unterricht an Volksschulen geeignet“ approbiert werden, in zentralen Fragen der Didaktik und Methodik den Empfehlungen der aktuellen fachdidaktischen Forschung entsprechen. Dies ist bei keinem der fünf Unterrichtswerke der Fall, die in den für diese Studie nach Zufallsprinzip ausgewählten Klassen verwendet wurden. Die Studie macht zudem die Notwendigkeit verstärkter Bemühungen um die frühe mathematische Bildung bereits im Kindergartenalter deutlich, ebenso die Notwendigkeit von Maßnahmen, um Mädchen in höherem Maße als bisher für die (frühe) Beschäftigung mit mathematischen Inhalten zu interessieren (Mädchen lösten, als Gruppe betrachtet, signifikant mehr Aufgaben durch Zählstrategien als Buben). |
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Zitierte Literatur: |
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GAIDOSCHIK, Michael (2007): Rechenschwäche vorbeugen - Erstes Schuljahr: Vom Zählen zum Rechnen. Wien: G&G. GERSTER, Hans-Dieter (2009): Schwierigkeiten bei der Entwicklung arithmetischer Konzepte im Zahlenraum bis 100. In: Fritz, Annemarie; Ricken, Gabi; Schmidt, Siegbert (Hg.) (22009): Rechenschwäche. Lernwege, Schwierigkeiten und Hilfen bei Dyskalkulie. Weinheim, Basel, Berlin: Beltz, S. 248-268. GERSTER, Hans-Dieter (1994): Arithmetik im Anfangsunterricht. In: ABELE, Albrecht; KALMBACH, Herbert (Hg.): Handbuch zur Grundschulmathematik, 1. und 2. Schuljahr. Stuttgart: Klett, S. 35-102. KRAUTHAUSEN, Günter; SCHERER, Petra (2007): Einführung in die Mathematikdidaktik. Heidelberg – Berlin: Spektrum. PADBERG, Friedhelm (2005): Didaktik der Arithmetik. Heidelberg: Spektrum. SCHIPPER, Wilhelm (2003): Thesen und Empfehlungen für den schulischen und außerschulischen Umgang mit Rechenstörungen. In: Lenart, Friederike; Holzer, Norbert; Schaupp, Hubert (Hg.): Rechenschwäche – Rechenstörung – Dyskalkulie: Erkennung, Prävention, Förderung. Graz: Leykam, 2003, S. 103-121. SCHIPPER, Wilhelm (2002): „Schulanfänger verfügen über hohe mathematische Kompeten-zen.“ Eine Auseinandersetzung mit einem Mythos. In: Peter-Koop, Andrea (Hg.): Das besondere Kind im Mathematikunterricht der Grundschule. Offenburg: Mildenberger, S. 119-140. WITTMANN, Erich Ch. (1994): Wider die Flut der „bunten Hunde“ und der „grauen Päckchen“: Die Konzeption des aktiv-entdeckenden Lernens und des produktiven Übens. In: Wittmann, Erich Ch.; Müller, Gerhard N. (21994): Handbuch produktiver Rechenübungen, Band 1. Vom Einspluseins zum Einmaleins. Stuttgart – Düsseldorf – Berlin – Leipzig: Klett, S. 157-171. |
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