![]() |
|||||||||
Der „Gipfel
des Grauens“ – und |
Einige Anregungen für die gezielte Förderung |
| |
Autor: Michael Gaidoschik |
1. Warum Textaufgaben |
„Mein Kind kann nicht logisch denken!“ – Das ist ein Satz, den wir in unseren Beratungsstellen in Wien und Graz immer wieder zu hören bekommen. Und als Begründung für dieses harte Urteil wird zumeist die Art und Weise angeführt, wie das betroffene Kind mit dem wohl für alle Kinder schwierigsten Bereich der Grundschulmathematik umgeht: Textaufgaben. |
![]() |
Dazu ein beliebiges
Beispiel: Ein 10jähriges Mädchen wird von uns Ende der
vierten Schulstufe mit folgender Aufgabe konfrontiert: „Ein Tischler
zersägt ein 3 m 20 cm langes Brett in 4 gleich lange Stücke.
Wie lange ist jedes Stück?“ Das Mädchen fängt sofort
zu rechnen an, und zwar so: |
Mangel an Denkfähigkeit? Das scheint angesichts solcher Hervorbringungen eine plausible Erklärung zu sein. Andererseits: Dieselben Eltern, die hier „Logikmangel“ vermuten, kennen ihr Kind und wissen genau, wie aufgeweckt es in anderen Zusammenhängen oft ist. Und bei allen unbestreitbaren Unterschieden in dem, was man in der Psychologie
als „Intelligenz“ bezeichnet: Wie sind aber dann so „kopflose“ Bearbeitungen von Textaufgaben wie die oben geschilderte zu verstehen? Einen Teil der Erklärung liefern meines Erachtens die Untersuchungen von Mathematik-Didaktikern über den Umgang von Kindern mit sogenannten „Kapitänsaufgaben“; das namengebende, klassische Beispiel dazu: |
|
| „Auf einem Schiff
befinden sich 26 Schafe und 10 Ziegen. |
|
Was tun nun Volksschüler, wenn man sie (ohne Vorwarnung!) mit solchen „Aufgaben“ konfrontiert; mit Texten also, die keine sinnvolle Rechnung zulassen? Das hängt offenbar ganz davon ab, wie lange sie schon unterrichtet wurden: Eine Untersuchung an 333 (völlig „normalen“) Kindern von der Vorschule bis zur fünften Schulstufe (Radatz, 1983) ergab jedenfalls, dass dergleichen „Unsinnsaufgaben“ von ca. 10% der Erstklassler, ca. 30% der Zweitklassler und ca. 60% der Dritt- und Viertklassler „gelöst“ wurden. Noch einmal: Diese Untersuchungen wurden mit völlig durchschnittlichen Volksschülern gemacht. Soll man jetzt also den Schluss ziehen, dass nicht nur rechenschwache Kinder, sondern generell etwa Viertklassler in ihrer Mehrzahl „nicht logisch denken“ können? Gewiss nicht. Schon das Häufigerwerden der scheinbaren „Kopflosigkeit“ von Klasse zu Klasse zeigt ja, dass hier etwas ganz anderes als „Logikmangel“ eine gewichtige Rolle spielt: Offenbar lernen Kinder im Laufe der Jahre einen bestimmten Umgang mit Mathematik im allgemeinen, Textaufgaben im besonderen. Ein wesentlicher Grundsatz dieses Umgangs scheint zu lauten: „Wenn Zahlen dastehen, muss ich rechnen!“ Die (kritische) Auseinandersetzung mit dem Text gehört dagegen nicht zu diesem gelernten Verhalten. Aber das gilt eben keineswegs nur für rechenschwache Kinder! Hier lässt sich also einerseits eine Gefahr erkennen, die der Mathematikunterricht für alle Kinder in sich trägt – und die natürlich nach „präventiven“ Maßnahmen verlangt (etwa dem gezielten Einsatz von „Kapitänsaufgaben“ im Unterricht, wie er in manchen Schulbüchern auch bereits vorgesehen ist). Andererseits kann man leicht erklären, warum gerade „rechenschwache“ Kinder (ohne deshalb „dümmer“ zu sein als andere) dieser Gefahr des scheinbar beliebigen „Zahlenverwurstens“ besonders häufig erliegen:
Gerade Variante c) kann sogar eine Zeitlang immer wieder zum Erfolg führen – vor allem dann, wenn die von der Schule geforderten Textaufgaben entsprechend „berechenbar“ und „schematisch“ sind. Eine Kompetenz im „mathematischen Problemlösen“ kommt so freilich nicht zustande. Was für alle drei Varianten (und die unzähligen Mischformen) gilt: Für rechenschwache Kinder sind Textaufgaben der „Gipfel des Grauens“ – „die, die ich immer nicht kann“. Und daher entsprechend beliebt ... |
|
2. Zum Verhältnis von |
Die Möglichkeiten, ein bereits „gestörtes“ Verhältnis zu Textaufgaben aufzuarbeiten, unterscheiden sich in mathematik-didaktischer Hinsicht nicht grundsätzlich von den Maßnahmen, die geeignet sind, um Kindern von Anfang an das Rüstzeug für die Lösung von Sach- und Textaufgaben zu vermitteln. Die Anregungen, die im folgenden mit Blick auf den Erstunterricht („präventiv“) gegeben werden, sind also in gleicher Weise für die nachträglichen Aufarbeitung von bereits vorhandenen Schwierigkeiten geeignet. Ein wesentlicher Unterschied besteht freilich: Bei Kindern, die bereits Misserfolgserlebnisse gesammelt haben, wird es oft besonderer pädagogischer und psychologischer Kunst bedürfen, um sie dazu zu bewegen, sich auf das vielleicht bereits verhasste Thema überhaupt noch einmal einzulassen. Vor allem gelernte „Schematiker“ (siehe oben, Variante c)) klammern sich oft ängstlich an ihren (manchmal ja tatsächlich erfolgreichen!) „Lösungsweg“. In solchen Fällen ist es dann oft nicht damit getan, mit dem Kind und „am Kind“ zu arbeiten. Ein konkretes Beispiel: Ein Kind, das erst lernen muss, sich gedanklich auf einen Text einzulassen, wird das kaum schaffen, wenn es weiß: Nächste Woche ist Schularbeit, da gibt es dann wieder vier Textaufgaben (und sonst nichts!), bei denen ich (wenn überhaupt) nur dann eine Chance habe, wenn ich mir das dazu passende Rechenschema (ohne es zu verstehen) auswendig merke. In solchen Fällen ist daher parallel zur Einzelförderung ein differenzierter Unterricht gefordert – und freilich auch ein radikales Umdenken bei jenen LehrerInnen und Eltern, die es bislang vielleicht sogar für sinnvoll gehalten haben, mit dem Kind unverstandene Rechenschemata „einzuüben“ ... Selbstverständlich gilt aber auch hier: Vorbeugen ist besser als heilen. Eben deshalb wird im folgenden – in der hier unvermeidlichen Kürze– ein „Aufbaukurs Textrechnen“ skizziert; ein Aufbaukurs, der in den ersten Monaten der ersten Schulstufe beginnen sollte. Je nach Defizitbereich sind aber, wie gesagt, die skizzierten Maßnahmen ebenso für die begleitende oder auch nachträgliche Förderung im Einzel- und Förderunterricht geeignet. |
3. „Textrechnen“: |
|
3.0. Vorbemerkung |
Worauf hier aus Platzgründen nicht eingegangen werden kann, ist der Unterschied zwischen „Sach-“ und „Textaufgaben“. Selbstverständlich aber sind wir (wie wohl alle Fachdidaktiker) der Überzeugung, dass Sachrechnen nicht auf Textrechnen reduziert werden sollte; dass Sach- wie Textaufgaben einen Bezug zur Lebenswelt der Kinder haben sollten; dass es darum gehen sollte, den Kindern mit den Mitteln der Mathematik Wege zum Lösen realer Probleme zu erschließen – und nicht um das „Einkleiden“ von Rechenoperationen in weltfremde Fragestellungen (beliebiges Beispiel: „37 Anoraks kosten 1813 Euro. Wie viel kosten 24 Anoraks?“ – Bekanntlich ist in Geschäften ja immer der Preis von 37 Anoraks angeschrieben, obwohl man selbst nur 24 davon kaufen möchte ...) |
3. 1. Absichern des |
Grundvoraussetzung dafür, dass ein Kind Textaufgaben verstehen kann, ist ein Operationsverständnis der vier Grundrechenarten in allen ihren Aspekten. Operationsverständnis erlangen Kinder aber nur durch eigene Handlungen mit geeignet strukturiertem Material. Dazu noch einige nähere Ausführungen:
|
3. 2. Umsetzung in
einschrittigen |
Sach- (und dann Text-) Aufgaben sollten von den ersten
Wochen an Thema das Mathematikunterichts sein: Die auf jeder Stufe neu
erworbenen Fähigkeiten im Umgang mit Zahlen befähigen schließlich
jeweils auch zur Lösung von zuvor nicht lösbaren Fragestellungen
des täglichen Lebens; ihr Einsatz dafür will aber auch noch
gelernt werden! Was zur Förderung dieser Fähigkeit beachtet werden sollte:
|
3. 3. Text-Kompetenz
als |
Sofern Sachaufgaben als Textaufgaben präsentiert werden, muss eben auch der mathematisch orientierte, analytische Umgang mit Texten Inhalt gezielter „Trainingseinheiten“ sein.
|
Sinnvolle Übungen zur Steigerung |
|
3.4. Systematische Erarbeitung der Lösungs-Kompetenz |
Das Erfassen des Textes ist zwar die unverzichtbare Voraussetzung dafür, das darin formulierte mathematische Problem zu „knacken“. Aber das „Knacken“ selbst will natürlich auch gelernt sein. Und es wird wohl so sein, dass diese „Fähigkeit zum Problemlösen“ auch bei bestem Unterricht nicht bei allen Kindern im selben Maße heranreifen wird. Doch was alle Kinder mit Sicherheit lernen können, sind Strategien im selbständigen Umgang mit mathematischen Problemstellungen – Strategien, die jedenfalls die Chance erhöhen, dass der kindliche Geist auch in der Bearbeitung von Textaufgaben wirklich das leistet, was er eben individuell zu leisten imstande ist. Die Vermittlung solcher Strategien (und nicht das Einüben von bestimmten
Aufgabentypen) sollte daher in weiterer Folge im Zentrum des Sachrechenunterrichtes
stehen.
|
Bei all dem gilt |
Die Lehrerin/Förderperson sollte sich vor „Erklärungen“ oder gar „Anleitungen“ („Da musst du zuerst plus, dann mal rechnen!“) hüten:
dann sollte die Lösung des Problems letzlich vom Kind selbst gefunden werden können. Was es allenfalls noch braucht, sind Anregungen, in die eine oder andere Richtung zu überlegen – und vielleicht jemanden, der ihm Mut zuspricht, die Aufgabe auch alleine schaffen zu können. |
| Dieser Mut wächst freilich mit jeder selbständig gelösten Aufgabe! |
|
Weiterführende Literatur |
Abele, A./Kalmbach, H. u.a.: Handbuch
zur Grundschulmathematik, Band 2, drittes und viertes Schuljahr. Schipper, W./Dröge, R/Ebeling, A.: Handbuch
für den Mathematikunterricht, 4. Schuljahr. Spiegel, H./Selter, Ch.: Kinder & Mathematik.
|
Diesen Artikel finden Sie auch im Österr. Rechenschwäche Magazin Nr.8/2003 (pdf, 430KB) |
| 1080 Wien * Wickenburggasse 14/9 * T. 01/526 48 46 |
| 8020 Graz * Kleegasse 3/BO 2 * T. 0316/766 344 |
| institut.wien@rechenschwaeche.at * Impressum |