"Aktiv
entdeckendes Lernen" auch und
gerade für "rechenschwache" Kinder
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Autor: Michael Gaidoschik
September 2004 |
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In der Mathematik-Didaktik wird seit etwa zwei Jahrzehnten
eine "konstruktivistische Wende" propagiert. Oberster Grundsatz
dieses (vor allem in Österreich noch kaum in der Unterrichtswirklichkeit
angekommenen) Ansatzes ist das "aktiv entdeckende Lernen" (vgl.
Wittmann/Müller, 1994, S. 157 ff; Krauthausen, 1998, S. 13 ff.): |
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- Kinder lernen Mathematik nicht durch Belehrung, nicht dadurch, dass
man ihnen mathematische Gesetzmäßigkeiten und darauf gründende
Verfahren als fertigen "Lernstoff" vorsetzt;
- sondern indem sie quantitative Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten
durch eigenes mathematisches Tun im Idealfall selbst entdecken.
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Aufgabe der Lehrerin ist es, diese Eigenentdeckungen im
Rahmen eines beständigen Lehr-Lerndialoges anzuregen und zu unterstützen
durch |
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- mathematische Problemstellungen, die dem Vorwissen und den Interessen
der Kinder adäquat sind
- Bereitstellung geeigneter Materialien, aber auch Rückmeldungen
über die Zweckmäßigkeit oder Unzweckmäßigkeit
des bestimmten Einsatzes dieser Materialien durch das Kind
- gezieltes Anbieten von Informationen
- Ermutigung zu eigenen Lösungswegen, Strategien, Gedanken und
Rückmeldungen über die Qualität dieser "Konstruktionen"
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Diese durch gute (lernpsychologisch fundierte) Argumente,
mittlerweile aber auch durch umfassende Unterrichtserfahrungen und Praxisstudien
abgesicherten Grundüberlegungen gelten auch und gerade für Kinder
mit besonderen Schwierigkeiten beim mathematischen Lernen (vgl. Krauthausen,
1998, S. 28 f.; Scherer, 1999, S. 9 ff; Moser Opitz, 2001).
Umgekehrt ist die Hypothese plausibel, dass viele Kinder auch deshalb
"rechenschwach" werden, weil das Lernen in unseren Schulen in
der Regel (noch?) nicht "aktiv-entdeckend" erfolgt (vgl. Gaidoschik,
2003). |
Zur Verdeutlichung: |
- Für "lernschwache" Kinder gilt grundsätzlich dasselbe
Ziel wie für ihre "normal lernenden" Kollegen:
Es geht darum, die Grundschulmathematik zu verstehen – und nicht
darum, unverstandene Regeln einzuüben.
- Gerade bei "rechenschwachen" Kinder zeigt sich:
Das Begreifen mathematischer Strukturen und Gesetzmäßigkeiten
im Bereich der Grundlagen ist keine "Belastung", sondern letztlich
der Schlüssel auch zum praktischen Beherrschen mathematischer und
rechnerischer Anforderungen.
- Umgekehrt wäre ein Unterricht, der sich aus Angst vor Überforderung
auf das Einüben von (Rechen-)Regeln oder gar auf das zählende
Hantieren mit mechanischen Lösungshilfen beschränkt, oft genug
eine self-fullfilling prophecy: Wenn Kindern Mathematik stets nur als
Regelwerk angeboten wird, bei dem es nichts zu verstehen gibt, dann
darf man sich nicht wundern, wenn genau das auch bei den Kindern ankommt.
- Für "lernschwache" Kinder gelten aber auch dieselben
Grundüberlegungen bezüglich des Weges, auf dem dieses Ziel
am ehesten zu erreichen ist: durch aktiv entdeckendes Lernen. In den
Worten von Halmos, 1975 (nach Krauthausen 1998, S. 22):
"Die beste Art zu lernen, ist zu handeln, zu fragen und zu handeln.
Die beste Art zu lehren ist, Kinder zum Fragen und zum Handeln anzuregen."
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Modifikationen dieser Grundüberlegungen
für die nachträgliche Förderung/"Therapie" von
"rechenschwachen" Kindern ergeben sich daraus, das wir es hier
mit Kindern zu tun haben, |
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- die sich bereits in einseitigen, Folgeschwierigkeiten produzierenden
mathematischen Denkweisen verfangen haben, und
- bei denen durch fortgesetzte Misserfolgserlebnisse vielleicht auch
bereits jede Freude am Mathematiktreiben (erst einmal) vergangen ist.
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Daraus folgt im Sinne des "aktiv
entdeckenden Lernens": |
- Wir müssen die bereits vorhandenen mathematischen Denkweisen
des Kindes (so "falsch" sie objektiv auch sein mögen)
ernst nehmen und erst einmal selbst verstehen, warum diese Denkweisen
für das Kind eben doch offenkundig ihre "Richtigkeit"
haben.
- Wir müssen auf Grundlage dieser "Denkanalyse" dem Kind
durch geeignete Problem- und Hilfestellungen ermöglichen, sein
mathematisches Denken dort zu korrigieren und zu ergänzen, wo es
an der (nun einmal vorgegebenen) mathematischen Realität vorbeigeht
bzw. in eine Sackgasse führt; aber diese Korrektur kann nur wirksam
werden, wenn sie eine (wenn auch durch unsere Förderung vielleicht
erst ermöglichte) Leistung des Kindes selbst ist.
- Wir müssen die Problem- und Hilfestellungen – ohne verfälschende
"Simplifizierung" der mathematischen Inhalte! – didaktisch
so organisieren, dass dem Kind ausreichende Erfolgserlebnisse (und darüber
wieder Freude an der Beschäftigung mit mathematischen Inhalten)
beschert werden. Insofern ist Motivation in erster Linie eine didaktische
Aufgabenstellung!
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Wie dieses Lernen (nicht nur, aber
auch
für "rechenschwache" Kinder) im Einzelnen
organisiert werden kann: Dazu werden auf diesen Seiten eine Fülle
vonkonkreten
Vorschlägen gemacht! |
Hilfe im Klassenverband
Anschauungsmaterial
Zahlenvorstellung im Zahlenraum 10
Zahlenraum 100
Zehnerüberschreitung
Einmaleins-Störungen
Umrechnen von Maßeinheiten
Textaufgaben |
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Literaturbelege: |
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Gaidoschik, M. (2003) |
Rechenstörungen: Die "didaktogene Komponente".
Kritische Thesen zur "herkömmlichen Unterrichtspraxis"
in drei Kernbereichen der Grundschulmathematik.
In: Lenart et al. (2003),
S. 128 – 153. |
Krauthausen, G. (1998) |
Lernen – Lehren – Lehren lernen.
Leipzig – Stuttgart – Düsseldorf: Klett. |
Moser Opitz, E. (2001) |
Zählen, Zahlbegriff, Rechnen.
Bern, Stuttgart, Wien: Haupt. |
Scherer, P. (1999) |
Produktives Lernen für Kinder mit Lernschwächen.
Fördern durch Fordern. Band 1: Zwanzigerraum.
Leipzig – Stuttgart – Düsseldorf: Klett. |
Wittmann, E. Ch./Müller, G. N.
(1994) |
Handbuch produktiver Rechenübungen, Band 1.
Stuttgart – Düsseldorf – Berlin – Leipzig: Klett. |